Ist H&M nachhaltig? Was du über die H&M Conscious Kollektion wissen musst

Ist H&M nachhaltig? Was du über die H&M Conscious Kollektion wissen musst

Wie nachhaltig ist H&M und die "Conscious"-Kollektion? Ein tiefer Einblick in die Nachhaltigkeitspraktiken des Fast Fashion-Riesen

Theresa Bender

Theresa Bender

Nov 24, 2021

·

10

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Wie viele andere große Modemarken integriert auch H&M jetzt großzügig die Worte "Nachhaltigkeit", "Recycling" und "Kreislaufwirtschaft" auf seiner Website und in seiner Marketingkommunikation.

Als Kunde denkst du vielleicht: "Toll! Meine Lieblings-Fast-Fashion-Marke hat endlich begriffen, dass es den Klimawandel gibt. Jetzt brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen und kann weiter einkaufen, ohne meine Gewohnheiten zu ändern oder zu einer anderen Marke wechseln zu müssen."

Klingt gut, nicht wahr? Vielleicht sogar ein bisschen zu gut?

Wie nachhaltig kann ein Unternehmen wirklich sein, wenn es "nachhaltige" T-Shirts für weniger als 5 € pro Stück verkauft und jede Woche neue Artikel herausbringt? Das heißt, ist H&M wirklich nachhaltig?

Wir haben uns diese Frage gestellt und beschlossen, ihr auf den Grund zu gehen.

Lies weiter, um zu erfahren, was wir herausgefunden haben! 🚀

Der Speed Read:

1. Von allen Materialien, die H&M verwendet, sind lediglich 0,7 % tatsächlich recycelt (basierend auf dem Nachhaltigkeitsbericht 2018).

2. Die Artikel aus der "Conscious"-Kollektion von H&M enthalten nur einen Bruchteil an recycelten Materialien.

3. Obwohl H&M gute Versprechungen macht und sich für die Zukunft verpflichtet, bis zum Jahr 2030 nur noch recycelte und nachhaltig produzierte Materialien zu verwenden, ist das Geschäftsmodell der Fast Fashion an sich nicht nachhaltig, da es die "Kaufen-und-wegwerfen"-Mentalität der Verbraucher unterstützt und weiterhin Abfall produziert.

Die H&M “Conscious” Kollektion

Wenn du schon einmal bei H&M eingekauft hast, egal ob im Laden oder online, ist dir vielleicht aufgefallen, dass einige Kleidungsstücke mit dem Label "Conscious" versehen sind. Conscious bedeutet "sich seiner Umgebung bewusst sein und auf sie reagieren" und ist der Name der nachhaltigen Kollektion von H&M.

Diese Kollektion wurde 2010 eingeführt und hat seither viele Kunden angezogen.

Untersuchungen des Stern Center for Sustainable Business der New York University haben ergeben, dass sich Produkte, die als "nachhaltig" gekennzeichnet sind, viel schneller verkaufen als normale Produkte. Wer würde sich schließlich nicht gut fühlen, wenn er ein nachhaltiges T-Shirt anstelle eines normalen H&M-T-Shirts kauft?

Aber die Kollektion hat zu Recht auch für Aufregung gesorgt, denn obwohl sie nun schon 11 Jahre alt ist, ist sie immer noch nicht so nachhaltig, wie sie vorgibt zu sein.

"Sie bestehen zu mindestens 50 % aus nachhaltig gewonnenen Materialien - wie Bio-Baumwolle und recyceltem Polyester - aber viele Conscious-Produkte enthalten viel mehr als das. Die einzige Ausnahme ist recycelte Baumwolle, die nur 20% eines Produkts ausmachen darf. Würden wir noch mehr recycelte Baumwolle verwenden, hätte die Kleidung einfach nicht mehr die gleiche Qualität.”

H&M WEBSITE

Na ja, das klingt ein bisschen vage, aber bis jetzt scheint es vernünftig.

Aber warte, bis wir uns das folgende Beispiel ansehen.

Was du unten siehst, ist das billigste Conscious-Kleidungsstück im deutschen H&M-Onlineshop. Für nur 3,99 € (!) bekommst du dieses Top:

H&M Conscious Kollektion schwarzes Trägertop
QUELLE: H&M

In der Produktbeschreibung können wir sehen, dass das Oberteil aus 95% Baumwolle und 5% Elasthan besteht. Moment mal - wie soll das nachhaltig sein?!

Wenn du weiterliest, bis du das Kleingedruckte erreichst (und wer tut das schon?), erfährst du, dass die äußere Schicht des Tops 25% recycelte Baumwolle enthält.

Das bedeutet, dass nur ein bestimmter Teil des Oberteils, nämlich die äußere Schicht, ein Viertel an recycelter Baumwolle enthält. Damit können wir nur erahnen, wie viel recyceltes Material tatsächlich in dem ganzen Oberteil verwendet wird! 🎉🙄 (Das ist natürlich ironisch gemeint, denn die Antwort lautet: wahrscheinlich sehr wenig.)

Die ganze Situation erinnert uns an den Nachhaltigkeitsbericht von H&M aus dem Jahr 2020. Dort gibt das Unternehmen in seinen "Sustainability Highlights" an, dass 64,5 % seiner Materialien aus recycelten oder nachhaltigeren Quellen stammen. Aber was sind "nachhaltigere Quellen"? Eine Erklärung dafür fehlt.

Der Nachhaltigkeitsbericht von 2018 bringt etwas mehr Aufschluss über diese Frage. Darin steht, dass von allen Materialien, die H&M verwendet, nur 0,7 % recycelt sind.

Angesichts versteckter Fakten wie diesen, die nur Vermutungen über die nicht so nachhaltige Nachhaltigkeitskollektion von H&M zulassen, waren und sind viele Kritiker empört, was auch zu rechtlichen Konsequenzen geführt hat.

2019 stellte die norwegische Verbraucherschutzbehörde H&M an den Pranger und bezeichnete das Verhalten des Unternehmens als "irreführend" für die Verbraucher. H&M würde nicht ausreichend darüber informieren, warum seine Kleidungsstücke weniger umweltschädlich sind als andere Kleidungsstücke. Daher könnten die Verbraucher nicht eindeutig feststellen, ob H&M wirklich nachhaltig ist oder nur Greenwashing betreibt.

Natürlich kann sich hier jeder seine eigene Meinung bilden, aber wir sind der Meinung, dass, wenn auf dem Etikett Nachhaltigkeit steht, es auch im Inneren des Produkts nachhaltig sein sollte. Um es klar zu sagen: Im Inneren des gesamten Produkts, nicht nur in einem Teil davon.

Das Fast-Fashion Geschäftsmodell

Neben den allgemeinen Problemen mit der Nachhaltigkeitskollektion von H&M und der Tatsache, dass sich H&M als nachhaltiger darstellt, als es in Wirklichkeit ist, gibt es auch einen weiteren wichtigen Punkt, der kritisiert werden kann: Das gesamtes Geschäftsmodell.

Wenn wir über Fast Fashion sprechen, meinen wir natürlich nicht nur H&M, sondern auch die Inditex-Gruppe (zu der z. B. Zara gehört), Shein, Forever21 und viele andere.

H&M ist nach Inditex der zweitgrößte Modehändler der Welt und leistet mit seinen mehr als 5.000 Filialen weltweit einen enormen Beitrag zum Fast Fashion-Markt.

Umsatz der größten Bekleidungshersteller und Einzelhändler weltweit im Jahr 2020 (in Mrd. USD)
QUELLE: STATISTA

Und übrigens: Der Umsatz von H&M macht einen Marktanteil von 1,4 % (weltweit) aus! Das ist eine beachtliche Marktmacht und Einflussnahme!

Wahrscheinlich ist uns allen bewusst, dass es nicht besonders nachhaltig sein kann, Kleidung zu produzieren, die nur ein paar Mal getragen und dann weggeworfen wird. Aber werfen wir einen Blick auf weitere Zahlen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie viel Schuld Fast Fashion tatsächlich am Klimawandel trägt

Schauen wir uns zunächst kurz eine Definition an, damit wir alle auf demselben Stand sind. Die University of Queensland beschreibt Fast Fashion als "billig produzierte und preisgünstige Kleidungsstücke, die die neuesten Laufstegstile kopieren und schnell in die Läden kommen, um von den aktuellen Trends zu profitieren".

Mit dieser Taktik sind die Fast Fashion-Hersteller in den letzten Jahren sehr gut gefahren: Von 2010 bis 2015 wuchs der Markt jährlich um fast 10 %.

Aber welche Auswirkungen hat dieses Wachstum und die Modeindustrie im Allgemeinen?

Ziemlich starke und schlechte, wenn man dem UN-UmweltprogrammGlauben schenken darf.

Das ist bereits mehr als alle internationalen Flüge und der gesamte Schiffsverkehr zusammen, und die Kohlendioxidemissionen der Modeindustrie werden Prognosen zufolge bis 2030 um 60 % in die Höhe schnellen, weil die Kleidung selten getragen und selten recycelt wird.

Außerdem ist die Branche für 24 % der Insektizide und 11 % der Pestizide weltweit verantwortlich, und auch die Besorgnis über Mikroplastik hat in den letzten Jahren zugenommen.

Im UN-Bericht wird Mode daher als ein Bereich beschrieben, der "umwelt- und sozialzerstörerische Praktiken" beinhaltet - es ist ganz offensichtlich, dass sich dies in erster Linie auf Fast Fashion bezieht.

Diese Fakten machen ziemlich deutlich, dass wir ein großes Problem mit dem Status quo unserer Modeindustrie haben. Das liegt zum Teil an den Unternehmen, aber auch an unserem eigenen "Kaufen-und-Wegwerfen"-Verhalten als Verbraucher.

Doch werfen wir nun einen Blick zurück auf H&M. Wie arbeitet dieses Unternehmen im Bereich der Fast Fashion?

Grundsätzlich lässt sich festhalten: H&M ist kein Unschuldslamm.

Wie viele andere Unternehmen der Fast Fashion-Branche ist auch H&M dazu übergegangen, nicht mehr zwei Kollektionen pro Jahr zu produzieren (Winter- und Sommerkollektion), sondern wöchentlich neue Artikel herauszubringen. (Zara, der Fast Fashion-Rivale von H&M, hat zum Beispiel auch etwa 20 Kollektionen pro Jahr. So funktioniert Fast Fashion heute.)

Die Folge dieser wöchentlich neuen Artikel und Kollektionen ist, dass H&M entweder die "alten", d.h. die Artikel, die vielleicht vor einem Monat herauskamen, mit hohen Rabatten verkauft oder auf den Produkten sitzen bleibt.

Was macht der Moderiese dann mit diesen neuwertigen Sachen? Er verbrennt sie. 🔥

Ja, du hast richtig gelesen.

Bereits 2017 hat Greenpeace herausgefunden, dass H&M neuwertige Artikel verbrennt.

Lass dir das einen Moment durch den Kopf gehen:

H&M lässt also tonnenweise Kleidung herstellen, nur damit niemand sie kauft und sie verbrannt wird? Und dafür verschwenden sie Wasser, Plastik und Chemikalien? Und wir reden hier nicht von ein oder zwei Kleidungsstücken, die irgendwie zurückbleiben, nein. Wir reden hier von 12 Tonnen (!) Kleidung pro Jahr.

Leider gilt das auch für die Initiative zum Sammeln von Kleidungsstücken, die H&M vor ein paar Jahren ins Leben gerufen hat. Was hat es damit auf sich?

Oberflächlich betrachtet sieht es eigentlich nach einer guten Idee aus: Kunden können ihre getragenen Kleidungsstücke in jedem H&M-Markt abgeben und H&M kümmert sich um das Recycling.

"Sich um das Recycling kümmern" bedeutet jedoch, dass H&M die Kleidung an seinen Partner I:Collect weitergibt, der zugegeben hat, dass nur 35% der Kleidung überhaupt recycelt werden. Und der Rest? Richtig: wird weggeworfen und verbrannt.

Daraus können wir schließen, dass H&M zwar versucht, den Anschein zu erwecken, aber dass es einfach keinen Weg gibt, Fast Fashion und Nachhaltigkeit zusammenzubringen.

Das Nachhaltigkeitsversprechen von H&M

Wenn man sich also die Nachhaltigkeit bei H&M anschaut, merkt man schnell, dass da einiges nicht richtig läuft. Trotzdem wollen wir nicht nur eine Seite beleuchten, sondern auch ein paar positive Dinge über den Moderiesen sagen.

Im Jahr 2017 hat sich das Unternehmen zum Beispiel sehr ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele gesetzt: Bis 2030 will es nur noch recycelte und nachhaltig produzierte Materialien verwenden und bis 2040 die gesamte Wertschöpfungskette klimafreundlich gestalten.

Außerdem investiert die H&M Foundation - eine Stiftung, in die die H&M-Gründerfamilie Persson 180 Millionen Dollar aus ihrem eigenen Vermögen investiert hat, um Gutes zu tun - derzeit 100 Millionen Dollar in die sogenannte "Green Machine". Dabei handelt es sich um eine Maschine, die mit Hilfe neuester Technologien in der Lage sein soll, selbst schwer zu recycelnde Kleidungsstücke (die z. B. aus vielen verschiedenen, miteinander verwobenen Garnen bestehen) wieder in ihre Einzelteile zu zerlegen und damit wiederverwendbar zu machen.

Auch wenn die Maschine noch nicht perfekt ist (und es gibt bis jetzt auch nur eine), muss man sagen, dass dies eine großartige Initiative von H&M ist.

Fazit: Ist H&M also nachhaltig?

Zusammenfassend kann man sagen, dass H&M definitiv einige Dinge besser darstellt, als sie bei genauerem Hinsehen tatsächlich sind. Aber das Unternehmen hat sich auch einige positive Ziele und Initiativen gesetzt.

Alles in allem ist das Einzige, das das Geschäftsmodell von H&M schnell und effektiv nachhaltiger machen würde,  einfach weniger zu produzieren. Wenn H&M (oder jedes andere Unternehmen - wie Apple) wirklich nachhaltig sein will, muss es sich Gedanken darüber machen, wie es vom Geschäftsmodell des " Neukaufens und Sofortkaufens" wegkommt und Artikel produziert, die lange halten, um unnötigen Abfall zu vermeiden.

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